Frachtschiff ahoi!
Lange schon war der Traum in unser beiden Köpfen: Auf dem Seeweg den Pazifik überqueren! Aufwändige Recherchen im Internet liessen es schlussentlich zu, diesen tatsächlich zu verwirklichen! Anfangs dachten wir, wir könnten vielleicht auf einem Schiff einfache Arbeiten verrichten und dafür gratis mitfahren…aber in der heutigen Zeit scheint das eine reine Illusion zu sein. Die Preise für die Überfahrt sind nicht tief. 80 Euro pro Tag pro Person mussten wir ausgeben, aber dies war es uns allemal wert! Vorallem wenn man bedenkt, dass Verpflegung, Unterkunft und Transport inbegriffen sind.
Schon von weitem konnten wir unsere Fahrtgelegenheit bestaunen. Wir möchten sie euch gerne vorstellen: Ihr Name ist Tosca, sie ist bescheidene 340 Meter lang, 43 Meter breit und hat 14 Meter Tiefgang. Beim Anblick machte sich die Nervosität breit, denn ein Abenteuer der ganz speziellen Art erwartete uns.
Per Anhalter erreichten wir den Hafen. Wir konnten bereits zwei Tage vor der geplanten Abfahrt an Board gehen. Nachdem wir unsere Namen der Security mitteilten erhielten wir Zutritt in’s Gelände. Uns wunderte es, dass es keinerlei Sicherheits-Checks gab. Bepackt mit unseren grossen Rucksäcken irrten wir in der riesen Anlage umher. Es war ein reges Treiben mit Entladen und Beladen: Riesige Krans hievten die Container im Minutentakt auf den Frachter, Lastwagen fuhren umher…wir fanden aber schliesslich den Aufgang zum Schiff und folgten der grossen, wackeligen Treppe. Wir wurden herzlich begrüsst und in unsere Kabine geführt, welche wir für die nächsten 12 Tage bewohnten. Sie ist geräumig, jeder hat sein Bett, es gibt eine Dusche mit abnehmbarer Brause (sehr zu unserer Freude, dies war nämlich bis jetzt sehr selten der Fall), zwei Fenster mit Blick auf die vielen Container und obendrauf noch ein eigener Kühlschrank! Was will man mehr? Als wir dann das Essen am weiss gedeckten Tisch serviert erhielten wussten wir, dass dies genau die richtige Entscheidung war. Es ist anzumerken, dass das Schiff unter französischer Flagge fährt. Die Franzosen legen also auch auf ihren Schiffen grossen Wert auf die Kulinarik: Am Mittag und am Abend stand jeweils die zum Menu passende Flasche Wein auf dem Tisch und die Käseplatte mit verschiedenen Käsesorten fehlte auch nie! Das Menu erfuhren wir jeweils am Mittag, schön gestaltet lag es auf dem Tisch. Sehr lustig daran fanden wir, dass das Menu der Passagiere und das des Kapitän-Tisches jeweils mit einem schönen Naturbild versehen war. Das der Crew war aber meistens mit einer halbnackten Frau illustriert! ![]()
Am Abend vor der Abfahrt statten wir dem „Seamens Club“ innerhalb des Hafengeländes einen Besuch ab. Wir fanden aber gar nicht das Erwartete: Es gab keinen Alkohol, dafür gratis Bibeln. Die Atmosphäre war aber ganz speziell. Die Matrosen hatten nämlich dort die Möglichkeit, zu Hause anzurufen oder per Skype mit der Familie Kontakt aufzunehmen. Zudem gab es Snacks und Souvenirs von Kanada zu kaufen. Es war schön und traurig zugleich, die Gesichter dabei anzusehen. Je nach dem bleiben die Männer nämlich bis zu zehn Monate von zu Hause fern. Auf dem Schiff besteht ein Mailsystem. Wir bekamen auch unsere eigenen Adressen und konnten ebenfalls Nachrichten versenden. Einmal pro Tag wurden diese dann dem Satelliten übermittelt. Immerhin!
Die Abfahrt verzögerte sich um einen Tag wegen mehrern Zwischenfällen mit defekten Containern. Schlussendlich waren wir aber bereit. Beladen mit 3600 grossen Containern (4500 hätten Platz) und einem Lotsen an Board, zogen uns die Tug-Boats vom Deltaport in Vancouver in‘s offene Meer hinaus. Das Schiff nahm Kurs nordwestlich Richtung Alaska und den Aleuten. Es war schade, dass wir im Dunkeln starteten (es war bereits 19.30 Uhr). Wir freuten uns schon, nochmals die schöne Landschaft vor der Küste und vielleicht den ein oder anderen Wal zu verabschieden. In der ersten Nacht schaukelte es schon etwas…oder waren wir es uns einfach noch nicht gewohnt? Nach eher wenig Schlaf erwachten wir am nächsten Morgen. Der erste Blick aus dem Fenster liess uns schon kein Land mehr sehen. Ein komisches und zugleich auch befreiendes Gefühl, so auf offener See unterwegs zu sein.
Anfangs der Reise wurde ein Notfalldrill für die Besatzung durchgeführt. Wir Passagiere mussten uns ebenfalls mit dem Notanzug vertraut machen. Er gleicht einem Taucheranzug, der bei einem Notfall in 30 Sekunden angezogen werden müsste. Der Einstieg war sehr beschwerlich und der Anzug verwandelte uns im Nu zu teletubbie-ähnlichen Gestalten ![]()
Die Besatzung bestand aus insgesamt 31 Personen. Der Kapitän, sein Stellvertreter sowie die meisten Führungspersonen waren Franzosen, abgesehen von vier Indern (alle Maler) bestand der Rest der Besatzung aus Rumänen. Als Passagiere waren wir zu dritt. Durch einen grossen Zufall war der dritte Passagier ebenfalls Schweizer! Hansjürg war 35 Jahre für die Swissair tätig und hat sein Wohnort nach der Pensionierung nach Thailand verlegt. Seine enorme Reiseerfahrung bescherte uns viele spannende Geschichten! Vielen herzlichen Dank an dieser Stelle nochmals an dich, Hansjürg, für die super Zeit!
An Board gab es einen kleinen Shop, der nur persönlich vom Kapitän geöffnet werden konnte. Für die Besatzung war es ein Highlight, als dieser am Samstag geöffnet wurde. Anstehen war angesagt, danach konnten sie sich mit Schnaps (beschränk auf maximal einen Liter pro Person), Bier, Cola und Zigaretten eindecken und dies zollfrei, also sehr günstig. Strahlende Gesichter kamen uns entgegen, als wir ebenfalls das ein oder andere Getränkt kauften. Schliesslich war es ein Tag zum Feiern: Clothilde, die einzige Frau in der Besatzung, wurde 25 Jahre alt! In der Captains-Bar (ja, es gab sogar mehrere) waren alle zum Apéro eingeladen. Die Crew griff kräftig zu, bei den Happen und natürlich auch beim Vodka! Nach dem Essen verlagerte sich ein Teil der Gesellschaft in die nächste Bar. Die Stimmung war (feucht)fröhlich und wir genossen die heitere Runde mittendrin! Aus Rücksicht veröffentlichen wir lieber nicht alle Fotos von diesem Abend! ![]()
Der nächste Morgen liess uns den tiefen Blick ins Glas etwas bereuen. Wir verschliefen das Frühstück und kamen etwas lediert zum Mittagessen. Es war Sonntag und anscheinend ein ganz spezieller Tag. Nach einem Apéro (wir entschieden uns für Cola) wurden wir drei Passagiere vom Captain an seinen Tisch eingeladen. Alle erschienen herausgeputzt mit weissen Hemden und der Koch legte sich ganz speziell ins Zeug! Zum Glück konnten wir das üppige Mittagessen trotz des Vorabends geniessen! ![]()
Ein Highlight der Reise war für uns auch die Besichtigung des Motorenraums. Zwei Stunden führte uns ein Besatzungsmitglied durch die lärmige Welt voller Motoren. Wir waren sehr beeindruckt! Das Schiff hat einen riesigen Motor mit 12 Zylindern und zusätzlich fünf Dieselmotoren. Die Gesamtleistung beträgt 93‘360 PS! Schon das überstieg unsere Vorstellungskraft. Der Rumäne erzählte uns, dass der Motor täglich 250 Tonnen Schweröl braucht, das war dann eindeutig zu viel für uns! Es ist ein sogenanntes „grünes“ Schiff. Beispielsweise wird das Abwasser speziell behandelt, bevor es ins Meer fliesst. Der Abfall wird kleinlich getrennt. Wir erfuhren jedoch später vom Captain, dass die meisten Häfen dann den Abfall trotzdem wieder zusammenschütten, na prima! Wir begegneten vielen der Crew während der Führung. Es waren alle sehr freundlich und gaben uns gerne Auskunft. Bevor wir an Board gingen, konnten wir uns das noch nicht genau vorstellen. Wir dachten, wir stören sie eher im Arbeitsalltag. Sie waren jedoch froh über die Abwechslung und erzählten stolz über ihre Erfahrungen. Bei längeren Gesprächen während der Fahrt erzählten sie dann auch von ihren Familien und vom Leben in Rumänien. Für uns war es sehr interessant, denn wir wussten ausser der Dracula-Geschichte so gut wie nichts über Rumänien und Osteuropa im Allgemeinen.
Die erwartete Langeweile trat nie ein! Wir hatten endlich Zeit, Berichte zu schreiben und uns auf unser nächstes Ziel vorzubereiten. Zudem waren wir mit vielen neuen Filmen eingedeckt und verschlangen nicht weniger als vier Bücher während dieser Zeit. Am Fest knüpften wir den Kontakt zum Koch, so dass Karin ab sofort jeden Tag ein Paar Stunden in der Schiffsküche mithelfen konnte. Eine rundum lehrreiche Erfahrung! Nicht nur Küchentricks lernte sie, sondern auch die Französisch-Kenntnisse konnten aufgefrischt werden. Der Koch sprach nämlich ausschliesslich französisch. Die Besatzung konnte sich dann auch einmal über ein Stück Rüeblitorte zum Dessert freuen, made by Karin versteht sich! Zur Unterhaltung wurde zusätzlich ein Tischtennis-Tournier veranstaltet. Wir übten zwar ein wenig, hatten aber gegen niemanden nur die leisteste Chance. Die spielen offensichtlich öfters!
In den zehn Tagen auf See mussten wir die Uhren insgesamt um 8 Stunden zurückstellen. Fast jeden Abend wurde uns somit eine Stunde geschenkt. Dafür strichen sie uns den ganzen Mittwoch, noch nie überschritten wir die Datumsgrenze, seltsam! Bis zu unserer Ankunft am Minami Honmoku Terminal in Yokohama (Japan) haben wir ungefähr 4244 Seemeilen zurück gelegt. Das sind rund 7860 Kilometer, 8 Zeitzonen haben wir durchquert und total 228 Stunden auf dem fahrenden Schiff verbracht. Die durchschnittlichen Geschwindigkeit betrug 34 km pro Stunde.
Als wir uns dem Zielhafen näherten konnten wir immer mehr Schiffe sichten. Von munzigen Fischerbooten bis zu riesen Kohlefrachter. Die Einfahrt erfolgte bei Tageslicht, so dass wir das ganze Prozedere hautnah miterleben konnten. Mit einem Schiff kam der Lotse an Board, welcher die Navigation in den Hafen übernahm. Ein Tug-Boat zog und stosste das Schiff in die richtige Position. Nach kurzem Warten auf unseren Agenten konnten wir das Schiff verlassen. Wir freuten uns auf die Zivilisation an Land. Gleichzeitig fiel uns der Abschied nicht gerade leicht. Wir kannten jedes Gesicht, dahinter die ein oder andere Geschichte. Der Kapitän persönlich verabschiedete sich und wir winkten wie wild der Besatzung.
Mit unserem Agenten ging es dann direkt zur Gepäckskontrolle und zur Immigrationsbehörde. Und schon konnten wir in den Zug einsteigen zu unserem Ziel: Die riesen Metropole Tokyo!
Für uns war die Zeit auf dem Schiff sehr entspannend. Auch wenn uns das viele Essen und keine Bewegung schon zusetzte! Wir entschieden uns, dass dies jetzt das Ende der passiven Zeit war und heckten schon neue Pläne für Wanderungen in Japan aus! Schön war auch, dass man sich auf eine neue Destination einstellen konnte. Man fühlte einmal, wie weit die Reise tatsächlich ist. Bei einem Flug ist der „Schock“ zum Teil einfach zu gross, es geht zu schnell und man braucht längere Zeit, bis man wirklich angekommen ist.
Nun ist schon der letzte Tag in Japan! Wir waren fleissig unterwegs…mehr wollen wir noch nicht verraten! ![]()
Liebe Grüsse an euch alle und händ Sorg!
Bildgallerie Frachtschiff-Ahoi:
Pazifiküberquerung:


























